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Im Namen aller Beteiligten, Özlem Nas, Islamische Gemeinde Centrum Moschee
In einem Land, das durch Pluralität geprägt ist, ist der positive Umgang mit Heterogenität unter Jugendlichen eine Herausforderung, der wir uns stellen. Ein friedliches Miteinander von Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft bedarf der Begegnung und des Austausches. Bei dem Projekt „Wer bin ich? Wer bist Du?“ geht es nicht nur um die Begegnung von überwiegend deutsch- und türkischstämmigen im selben Land, sondern insbesondere auch um die Begegnung und den Austausch im Herkunftsland der türkischstämmigen Jugendlichen.
Die Evangelische Kirchengemeinde St. Georg/Borgfelde, die Islamische Gemeinde Centrum Moschee e.V., die KSJ - Katholische Studierenden Jugend und der CVJM - Christliche Verein Junger Menschen zu Hamburg e.V., haben sich im Stadtteil St.Georg mit dem Ziel zusammengetan, eine interkulturelle Jugendbegegnung zwischen Christen und Muslimen in Hamburg, St. Georg, sowie inder Türkei zu ermöglichen.
Das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Glaubens-, Lebens- und Alltagsbildern ist in Hamburg Normalität. Aber es findet wenig direkter Austausch statt. Nun wächst in unserer Stadt die vierte Generation der so genannten Gastarbeiterfamilien heran mit einer mehr oder weniger starken Identifikation mit dem Mutterland Ihrer (Ur)Großväter und (Ur)Großmütter. Was bedeutet für diese Generation die Türkei und der Muslimische Glaube? Was bedeutet es für die Christen in unserer Gesellschaft Seite an Seite mit Menschen zu leben, die den Ramadan feiern, ein Kopftuch tragen und den Sommer stets mit ihren Eltern in der Türkei verbringen? Für jeden einzelnen innerhalb seiner Welt eine Normalität aber für Außenstehende oft ungewöhnlich.
Diese interkulturelle Reise wurde gemeinsam von engagierten Muslimen und Christen geplant und in den Hamburger Herbstferien 2010 durchgeführt. Die Beteiligung von Muslimen und Christen bietet dabei die besondere Gelegenheit, das gegenwärtig gesellschafts- und sicherheitspolitisch außerordentlich wichtige Thema Religion, in seiner vielfältigen Bedeutung für den Alltag der Menschen zu erleben, und zwischen kulturellen, regionalen, ländlichen und städtischen Besonderheiten zu unterscheiden. Bei der Auswahl der Reiseroute und der Kontakte wurde auf eine größtmögliche Vielfalt ländlicher und städtischer Lebenssituationen geachtet. Da alle Kooperationspartner über nur geringe Eigenmittel verfügen und wir diese Reise auch für Jugendliche anbieten wollten, die aus einkommensschwachen Familien kommen, waren wir auf Unterstützung angewiesen. Wir haben den Teilnahmebeitrag für die Jugendlichen so gering wie möglich gehalten. Sie bezahlten de facto nur den Flug. Kosten für Verpflegung, Unterkunft, Transportmittel, Eintrittsgelder, Reiseversicherung u.a. eventuell entstehenden Kosten wurden durch Spendengelder und finanzielle Beteiligung der jeweiligen Institutionen getragen. Der Mangel an ausreichenden Finanzen führte dazu, dass zunächst nicht sicher war, ob wir die Reise überhaupt durchführen können. Die bereits für 2009 geplante Reise konnte durch eine Spende schließlich im Herbst 2010 durchführt werden. 30 Jugendliche im Alter zwischen 16 – 26 Jahren, die mehrheitlich deutscher und türkischer, aber auch italienischer, palästinensischer u.a. Herkunft waren, wurden von 6 Betreuern aus den o.g. Einrichtungen begleitet.
Die einzelnen Stationen waren Istanbul, Konya, Kappadokien, Antakya und Adana. Die Reise ging mit An- und Abfahrt insgesamt über 12 Tage. Im Einzelnen haben wir darauf geachtet, insbesondere die Schnittstellen zwischen muslimischer Religion und säkularem Leben, als auch die zwischen christlichen Gemeinden und muslimisch geprägter Mehrheitsgesellschaft aufzusuchen. Neben dem exemplarischen Kennenlernen der Türkei in Gegenwart und Geschichte, haben wir uns intensiv um den Austausch mit Gesprächspartnern aus den verschiedenen Regionen, welche unterschiedliche Bereiche repräsentierten (Religion, Politik, Gesellschaft), sowie vor allem um den internen Gruppenaustausch über das gemeinsam Erlebte, bemüht.
Der Austausch mit verschiedenen Akteuren in den von uns besuchten Städten, sowie unter den Jugendlichen, führte zu einem intensiven Erfahrungs- und Erkenntnisgewinn und macht den eigentlichen spannenden und auch nachhaltigen Effekt der Reise aus. Bei einem Gespräch mit einem türkischen Priester in einer katholischen Kirche in Antakya stellte z.B. eine christliche Teilnehmerin die Frage, wann der Priester vom Islam zum Christentum konvertiert sei, woraufhin der Priester antwortet, dass die Christen seit 2000 Jahren in der Türkei seien und er Türke sowie Christ sei. Ein weiterer Teilnehmer äußerte bei unserem späteren Gruppengespräch, dass er uns Muslimen in Deutschland nicht geglaubt hätte, wenn wir ihm etwas über türkische nichtkonvertierte Christen erzählt hätten. Weitere Begegnungen gab es mit einem stellvertretenden Bürgermeister, mit verschiedenen Imamen, Priestern, Pastoren, Klosterschwestern, Musikern, Religionsattachees, Lehrern, einer Verantwortlichen des Goethe Instituts in Istanbul und vielen anderen. Die Jugendlichen tauschten sich untereinander über die verschiedensten Fragen aus (z.B. Warum heiraten Musliminnen nur muslimische Männer? Gilt das für alle Muslime? Welche Unterschiede gibt es? Oder aber: Was bedeutet Trinität? Warum dürfen katholische Priester nicht heiraten? und vieles mehr), besuchten religiöse wie kulturelle Stätten, gingen zusammen aus und machten sich Gedanken über ihre eigenen Vorstellungen von Religion, Kultur und Pluralität. Fragen wie: Woher kommt ihr eigentlich und woher kommen wir? Was wird bei euch gegessen, wie und was feiert ihr? Was ist euch wichtig? Wie ticken die Uhren in eurem Land? Wie schaut es aus, wenn der Strom ausfällt? Wie gehen wir gemeinsam mit Abmachungen und Zeit um? Was versteht ihr unter eurer Religion und wie lebt ihr sie? Was verstehen wir unter unserer Religion und wie leben wir sie? Essen alle Muslime nur islamisch geschlachtetes Fleisch? etc. wurden gestellt und diskutiert.
Selbst die Busfahrt von Istanbul nach Konya wurde interaktiv gestaltet, es wurde gesungen, gerappt, Koran rezitiert, Fragen gestellt und beantwortet. Gemeinsames und Trennendes wurde deutlicher und durch die vielfältigen Begegnungen wurde der Horizont der Teilnehmer in besonderer Form erweitert, z.B. wurde in Konya ein Besuch bei den „Tanzenden Derwischen“ durchgeführt und erläutert, dass die Derwische gar nicht tanzen sondern meditieren und es wurde darauf eingegangen wer Mevlana Celaleddin Rumi war. In Antakya wurde im Hotel eine Podiumsdiskussion mit Vertretern des Judentums, Christentums und des Islams, sowie eines Deutsch-Türkischen Vereins aus Antakya durchgeführt, an dem die einzelnen Religionsvertreter nochmal die Bedeutung von einem friedlichen Miteinander, von Respekt und Toleranz hervorhoben und die Jugendlichen als Botschafter des friedlichen Miteinanders in Deutschland ansprachen.
Den Jugendlichen wurde nahegelegt, die Dinge, die Sie in der Türkei gesehen und erlebt haben nach Deutschland weiterzutragen und sich für Toleranz, Akzeptanz und Respekt untereinander einzusetzen. Wir sind davon überzeugt, dass diese Form des interkulturellen Austausches unter den Bedingungen einer gemeinsamen Reise in die Herkunftskultur des stärksten Migrantenanteils unserer Gesellschaft ein besonders effektiver friedenspolitisch wirksamer Ansatz ist und ein innovativer Weg, Begegnung und Austausch mit hoher Qualität und hohem Lerneffekt zu erzielen .
Als Initiatoren dieser Reise ist uns insbesondere die Nachhaltigkeit wichtig. Es ging keineswegs darum, „nur“ eine gemeinsame Reise in die Türkei durchzuführen, sondern den Teilnehmern wurde bereits vor der Anmeldung die Bedingung mitgeteilt, auch ein Interesse und den Willen zu Nachhaltigkeit mitzubringen. Bei den Teilnehmern handelte es sich weitestgehend um in der Jugendarbeit der beteiligten Organisationen engagierte Jugendliche, die als MultiplikatorInnen das Erfahrene, Erlebte und Erlernte an andere Jugendliche weitergeben sollen.
Wieder in Hamburg angekommen, soll die Nachhaltigkeit durch verschiedene Treffen, die von den beteiligten Institutionen und Betreuungspersonen begleitet und moderiert werden, gewährleistet werden. Ein Treffen mit gemeinsamem Essen und Reflexion der Reise wird in wenigen Tagen durchgeführt. Es ist auch geplant eine Dokumentation der Reise gemeinsam mit den Jugendlichen zu erarbeiten, wozu viele Teilnehmer Fotos gemacht und einige auch selbst gefilmt haben. Das CVJM hat eine eigene Kamera für diesen Zweck mitgebracht und es soll auch ein kleiner Film entstehen. Für eine öffentliche Veranstaltung im Januar (23.1.2011), welche für Sponsoren sowie Familienangehörige und alle Interessierten offen sein soll, wurde bereits mit dem Metropolis gesprochen. Diese Initiative wurde durch eine intensive Vorarbeit in vielen Treffen vorbereitet und soll durch eine intensive Nacharbeit der beteiligten Jugendlichen begleitet werden. Dabei können wir auf die langjährigen Erfahrungen der Jugendabteilungen der einzelnen Träger zurückgreifen. Das Projekt hat Modell- und Vorbildcharakter. Die Projekterfahrungen werden in geeigneter Weise anderen Bildungsträgern zur Verfügung gestellt. Für die beteiligten Jugendlichen sehen wir hier eine besondere Chance, die Reiseergebnisse produktivzu verarbeiten und den Dialog auf unterschiedlichen Ebenen fortzusetzen. Wir möchten hiermit ein klares öffentliches Signal für den Sinn von interkultureller Verständigung in der Zuwanderungsgesellschaft setzen mit dem Ziel, die vorhandene kulturelle und religiöse Vielfalt als einen inspirierenden Reichtum kennen zu lernen.
Die Initiatoren sind sich darüber einig, dass Sie sich für die Fortsetzung dieses Projektes einsetzen wollen, um somit auch anderen Jugendlichen diese qualitativ hochwertige Möglichkeit zur besseren Verständigung von Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft zu eröffnen. Der Aspekt, dass auch Jugendliche aus finanzschwachen Haushalten mitfahren können ist für uns von Bedeutung, denn die Teilnahme von interessierten und engagierten Jugendlichen sollte nicht an den Finanzen scheitern.
Desweiteren möchten die Institutionen nach dieser fruchtbaren Zusammenarbeit auch an weiteren Projekten gemeinsam arbeiten. Mit diesem innovativen und zukunftsweisenden Projekt reagieren wir auf aktuelle Entwicklungen in unserer Gesellschaft, unserer Stadt und unserem näheren Umfeld. Dieses Mulitplikationsprojekt mit bereits aktiven Mitgliedern der Jugendabteilungen hatauch das Ziel, den jungen Menschen eine Öffnung ihres Horizontes mit lokalem Bezug zu ermöglichen. Die ehrenamtliche Tätigkeit der Jugendabteilungen der einzelnen Träer kann durch dieses Projekt qualitativ dadurch verbessert werden, dass die TeilnehmerInnen die Vorteile unserer vielfältigen Gesellschaft mit in Ihre Arbeit einfließen lassen können. Das Ziel der Reise ist eine Verbindung zwischen diesen Menschen durch geteilte Alltagserfahrungen herzustellen. Sie sollen befähigt werden, mit den Erfahrungen, die sie miteinander machen, andere zu einem offenen Umgang mit Ihren Mitmenschen zu verhelfen. Hilfe und Unterstütung bei diesem Projekt würde nicht nur den TeilnehmerInnen dieses Projektes zu Gute kommen, sondern auch das friedliche und konstruktive Zusammenleben in dieser Stadt fördern.