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SCHORSCH

Integrative offene Kinder-, Jugend- u. Familienarbeit St. Georg
Eine Einrichtung der ev.-luth. Kirchengemeinde St. Georg-Borgfelde
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Reisebericht

Wer bin Ich? Wer bist Du?   -  Interkulturelle Jugendbegegnung    -

Eine Kooperation der Evangelischen Kirchengemeinde St. Georg/Borgfelde, der Katholischen Studierenden Jugend, der Islamischen Gemeinde Centrums Moschee und dem CVJM zu Hamburg e.V.

Ausgehend von den positiven Erfahrungen der Friedensarbeit mit Jugendlichen in den Kernländern Europas im Rahmen internationaler Begegnungen haben wir diesen Ansatz um ein neues Konzept bereichert. Statt diese Verständigungsarbeit zwischen Jugendlichen aus den verschiedenen Ländern zu organisieren, benötigen wir heutzutage die Begegnung zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen im selben Land. Hierfür haben wir eine gemeinsame Reise von deutsch- und türkischstämmigen Jugendlichen in die Türkei durchgeführt.

Das gemeinsame Erleben der eigenen religiösen und kulturellen Herkunftskultur, sowie die, des anderen: der türkischstämmigen und deutschen Jugendlichen, der Christen und Moslems oder auch der Mädchen und Jungen haben ganz neue Perspektiven und Gespräche unter den Teilnehmenden entstehen lassen. Die Beteiligung von engagierten Muslimen und Christen bietet dabei die besondere Gelegenheit, das gegenwärtig gesellschafts- und sicherheitspolitisch außerordentlich wichtige Thema Religion in seiner vielfältigen Bedeutung für den Alltag der Menschen zu erleben und Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken. Ein friedliches Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft bedarf der Begegnung und des Austausches.

Die Evangelische Kirchengemeinde St. Georg/Borgfelde, die Islamische Gemeinde Centrum Moschee e.V., die KSJ - Katholische Studierenden Jugend und der CVJM - Christliche Verein Junger Menschen zu Hamburg e.V., haben sich im Stadtteil St. Georg mit dem Ziel zusammengetan, eine interkulturelle Jugendbegegnung zwischen Christen und Muslimen in Hamburg, St. Georg, sowie in der Türkei zu ermöglichen.

Das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Glaubens-, Lebens- und Alltagsbildern ist in Hamburg Normalität. Aber es findet wenig direkter Austausch statt. Nun wächst in unserer Stadt die vierte Generation der so genannten Gastarbeiterfamilien heran, mit einer mehr oder weniger starken Identifikation mit dem Mutterland Ihrer (Ur)Großväter und (Ur)Großmütter. Was bedeutet für diese Generation die Türkei und der muslimische Glaube? Was bedeutet es für die Christen in unserer Gesellschaft Seite an Seite mit Menschen zu leben, die den Ramadan feiern, ein Kopftuch tragen und den Sommer stets mit ihren Eltern in der Türkei verbringen? Für jeden Einzelnen innerhalb seiner Welt eine Normalität aber für Außenstehende oft ungewöhnlich.

Diese interkulturelle Reise wurde gemeinsam von engagierten Muslimen und Christen geplant und in den Hamburger Herbstferien 2010 durchgeführt. Die Beteiligung von Muslimen und Christen bietet dabei die besondere Gelegenheit, das gegenwärtig gesellschafts- und sicherheitspolitisch außerordentlich wichtige Thema Religion in seiner vielfältigen Bedeutung für den Alltag der Menschen zu erleben und zwischen kulturellen, regionalen, ländlichen und städtischen Besonderheiten zu unterscheiden.

Bei der Auswahl der Reiseroute und der Kontakte haben wir auf eine größtmögliche Vielfalt ländlicher und städtischer Lebenssituationen geachtet. Da alle Kooperationspartner über nur geringe Eigenmittel verfügen und wir diese Reise auch für Jugendliche anbieten wollten, die aus einkommensschwachen Familien kommen, waren wir auf Unterstützung angewiesen. Wir haben den Teilnahmebeitrag für die Jugendlichen so gering wie möglich gehalten. Sie bezahlten de facto nur den Flug. Kosten für Verpflegung, Unterkunft, Transportmittel, Eintrittsgelder, Reiseversicherung u.a. eventuell entstehende Kosten, wurden durch Spendengelder und finanzielle Beteiligung der jeweiligen Institutionen getragen. Der Mangel an ausreichenden Finanzen führte dazu, dass zunächst nicht sicher war, ob wir die Reise überhaupt durchführen können. Die bereits für 2009 geplante Reise konnte durch eine Spende schließlich im Herbst 2010 durchführt werden.

Die 30 jungen Menschen im Alter zwischen 16 – 26 Jahren, Christen, Muslime, Buddhisten und Atheisten, die mehrheitlich deutscher und türkischer, aber auch italienischer, palästinensischer u.a. Herkunft wurden von 6 Betreuern aus den o.g. Einrichtungen begleitet.

12 Tage Türkei, quer durchs Land von Istanbul über Konya und Kappadokien nach Antakya und von Adana zurück. Immer wieder haben wir insbesondere die Schnittstellen aufgesucht zwischen muslimischer Religion und säkularem Leben, als auch die zwischen christlichen Gemeinden und muslimisch geprägter Mehrheitsgesellschaft.

Der Austausch mit anderen, aber besonders der innerhalb unserer Reisegruppe, stellen für uns alle einen intensiven Erfahrungs- und Erkenntnisgewinn dar und machen den eigentlichen spannenden und auch nachhaltigen Effekt der Reise aus.

Die Jugendlichen tauschen sich untereinander über die verschiedensten Fragen und Meinungen aus, wie: warum heiraten Musliminnen nur muslimische Männer? Gilt das für alle Muslime? Welche Unterschiede gibt es? Oder aber: Was bedeutet Trinität? Warum dürfen katholische Priester nicht heiraten? und vieles mehr. Wir besuchen sowohl religiöse wie kulturelle Stätten, gehen zusammen aus und machen uns Gedanken über eigene Vorstellungen von Religion, Kultur und Pluralität. Fragen wie: Woher kommt ihr eigentlich und woher kommen wir? Was wird bei euch gegessen, wie und was feiert ihr? Was ist euch wichtig? Wie ticken die Uhren in eurem Land? Wie schaut es aus, wenn der Strom ausfällt? Wie gehen wir gemeinsam mit Abmachungen und Zeit um? Was versteht ihr unter eurer Religion und wie lebt ihr sie? Was verstehen wir unter unserer Religion und wie leben wir sie? Essen alle Muslime nur islamisch geschlachtetes Fleisch? etc. werden gestellt und diskutiert.

Gleich am ersten Abend in Istanbul als alle noch einmal durch die Gassen bummeln, stellt sich die Frage, wo kehren wir ein? Sitzen Muslime mit am Tisch wenn Alkohol getrunken wird? Beim Tschai plaudert es sich auch sehr gesellig und niemand erwartet, dass eigene Regeln Allgemeingültigkeit haben.

Früh am nächsten Morgen weckt der Christ seinen muslimischen Zimmergenossen, he, wolltest du nicht zum Frühgebet?

Das quirlige lebendige Istanbul mit seiner Vielfältigkeit begeistert uns und wir versuchen, soviel wie möglich zu erleben. Unzählige Eindrücke, intensive Gespräche, viel Laufen, immer wieder warten (gar nicht so leicht sich mit 36 Personen zu bewegen), Organisation des Abendessen und ausgedehnte Bummel auf den Basaren der verschiedenen Stadtteile prägen die 5 Tage dort.

Die Busfahrt von Istanbul nach Konya wird interaktiv gestaltet, es wird gesungen, gerappt, Koran rezitiert, Fragen gestellt und beantwortet, ein wenig schlafen und am Vormittag sind wir im Hotel. Wieder Zimmerverteilung, frisch machen und eine lokale Spezialität, Etli Ekmek essen gehen.

Wir erkunden die Stadt, verlaufen uns und telefonieren uns wieder zusammen. Am Abend haben wir das Glück eine Vorstellung der „Tanzenden Derwische“ erleben zu dürfen und zu erfahren, dass dies kein Tanz, sondern ein religiöses, meditatives Ritual ist.

Am Morgen genießen wir die türkische Gastfreundschaft bei einem feudalen Brunch im höchsten Gebäude Konyas. Gemeinsames und Trennendes wird deutlicher und eine dichte Atmosphäre herrscht bei unserem Gottesdienst in dem in knallrot gehaltenen und mit Rüschen verzierten Frühstückraums des Hotels.

Manchmal geraten wir an die Grenzen unserer Geduld und Toleranz, unglaublich viele Eindrücke und keine Zeit sie zu verarbeiten. Schon geht’s weiter und immer wieder tauchen neue Fragen auf und Diskussionen entstehen. Wir besuchen Kirchen und Moscheen und schon wieder ist Gebetszeit, die Muslime beten und die anderen warten oder gehen mit in die Moschee. Die Räume für die Frauen sind sehr verschieden, mal eine schöne Galerie, mal ein Bretterverschlag. Warum überhaupt die Geschlechtertrennung, wer muss und warum und wovor geschützt werden? Das Gleiche bei der Frage der Verhüllung, für die Nichtmusliminnen gewöhnungsbedürftig und es löst Widerstände aus. Müssen wir denn? Nein, aber es ist die Kultur, den Menschen vor Ort wichtig und wir erweisen unseren Respekt. Somit laufen alle Mädchen und Frauen mit schönen bunten Schals herum, die wir bei Bedarf über den Kopf ziehen. Das Kopftuch ist, wie wir lernen, auch ein Symbol der Freiheit und Selbstbestimmung.

Und wo und wie zeigt denn ein Christ seinen Glauben?

Ständig sind wir in angeregte Gespräche vertieft, in kleinen Grüppchen und auch mit allen gemeinsam wird sich weiter über diese und andere Themen auseinandergesetzt.

Dann endlich Natur satt, in Kapadokien erklimmen wir in der Ihlara-Schlucht die Felsen und bestaunen die von byzantinischen Mönchen in Gestein gehauenen Häuser, Tunnel und Kirchen. Bestürzt sind wir über die zum Teil mutwillige Zerstörungen der alten Wandmalereien.

Die unterirdischen Städte bieten, nach viel Wissensaufnahme, die ideale Gelegenheit für Versteck- und Erschreckspiele. Wir treffen den Lehrer, der im Frühjahr mit einer Schulklasse unserer Stadtteilgrundschule in Kapadokien war und jetzt Schulleiter einer dortigen Schule ist. Bis spät in der Nacht sitzen wir vor dem Hotel und tauschen uns über Religion und Kultur aus. Spannend ist die Frage, ob der Respekt vor einem Menschen an seiner Bekleidung festgemacht werden darf. Oder drücke ich durch angemessene (wer definiert das?) Kleidung meinen Respekt vor anderen aus?

Es ist auch schwierig zu unterscheiden, was tun die Menschen aus religiösen Gründen und wo sind es eher kulturelle.

Wir kommen immer wieder auf die Frage der Kindererziehung, ja, Respekt und Einhalten von Regeln sind wichtig, aber auch Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Nachdenken und die Welt in Frage stellen. Hochinteressant ist die Frage nach der Religionsfreiheit eines mündigen Menschen, alle bejahen sie, aber sollen unsere Kinder nicht doch den Glauben leben, in dem wir selbst uns aufgehoben fühlen?

Im Hotel in Antakya kommen Vertreter des Judentums, Christentums und des Islams, sowie eines Deutsch-Türkischen Vereins zu einer Podiumsdiskussion zu uns, an dem die einzelnen Religionsvertreter von ihrem friedlichen Miteinander, von Respekt und Toleranz berichten und dies auch für uns sichtbar leben. Sie sprechen uns an als Botschafter des friedlichen Miteinanders, dieses weiterzutragen nach Deutschland und sich für Toleranz, Akzeptanz und Respekt untereinander einzusetzen.

Am letzten Tag besuchen wir noch die Petrusgrotte und sind sehr berührt in diesem islamischen Land in der ersten christlichen Kirche zu stehen. Am Nachmittag teilt sich unsere Gruppe für einige Stunden, wir sind nahe am Meer, es ist warm und die SCHORSCHis und einige CVler wollen schlicht und ergreifend Gottes Schöpfung, in diesem Fall Meer, Strand und Sonne genießen. Die anderen vertreiben sich die Zeit in einer kleinen Stadt mit Spaziergängen, Tschai trinken und Spielen. Wir kommen ein wenig zur Ruhe und genießen die Gespräche in unserer kleinen Gruppe und bewundern einen herrlichen Sonnenuntergang.

Abends geht es nach Adana, wo wir bis früh morgens in einer kleinen Kirche Nachtasyl bekommen.

Alle sind müde und erschöpft und gleichzeitig halten uns die vielen Eindrücke und Reize wach.

Wir fliegen zurück und kommen wieder in Hamburg an mit vollem Kopf und vollem Herzen. So viele Eindrücke und Erlebnisse, schöne Gespräche, schwierige Diskussionen, Standpunkte, die wir akzeptieren müssen, ohne überzeugen zu können. Voller Emotionen, wie Freude, Glück, ein wenig Ärger, Traurigkeit über das Ende der Reise und ganz viel Nachdenklichkeit.

Nun wissen wir mehr voneinander, jeder hat tief in sich selbst hineingeschaut und wir haben mehr Verständnis für den Anderen.

Wir sind uns nahe gekommen und tragen das, was wir erlebt haben mit uns in unseren Alltag und tragen es weiter. In unsere Familien und Freundeskreise, in die Schule, an den Arbeitsplatz, in unser Leben und geben die Erfahrungen weiter an die Menschen unserer Gemeinden.

Alle haben wir miteinander und voneinander gelernt. Wir haben Respekt, Akzeptanz und Toleranz gelebt, wir sind an unsere Grenzen gegangen und hatten viel Spaß dabei.

Wir werden uns wieder sehen, Fotos und Filme gucken und über das Erlebte und Zukünftiges sprechen, wir sind im Kontakt.

Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass diese Form des interkulturellen Austausches unter den Bedingungen einer gemeinsamen Reise in die Herkunftskultur des stärksten Migrantenanteils unserer Gesellschaft ein besonders effektiver, friedenspolitisch wirksamer Ansatz ist und ein innovativer Weg, Begegnung und Austausch mit hoher Qualität und hohem Lerneffekt zu erzielen.

Wir sind uns darüber einig, dass sich die Fortsetzung dieses Projektes lohnt und es könnte zu einem festen Bestandteil der aktiven, vernetzten Stadtteilkultur von St. Georg werden.

Dabei ist der Aspekt, dass auch Jugendliche aus finanzschwachen Haushalten mitfahren können, für uns von großer Bedeutung, denn die Teilnahme von interessierten und engagierten Jugendlichen sollte nicht an den Finanzen scheitern.

Dieses Projekt ist ein klares öffentliches Signal für den Sinn von interkultureller Verständigung in der Zuwanderungsgesellschaft, mit dem Ziel, die vorhandene kulturelle und religiöse Vielfalt als einen inspirierenden Reichtum kennen zu lernen.


Hamburg, Dezember 2010

Petra Thiel

Ev. Kirchengemeinde St. Georg-Borgfelde / SCHORSCH

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